ALBERT LONDRES: MARSEILLE

Große Reportagen: Dass ich mir gleich fünf Bände von Albert Londres gekauft habe, dem französischen Starreporter der 1920er-Jahre, lag auch an der Aufmachung der Ausgabe im Miniformat. Als Buchmacherin und BücherFrau interessierten sie mich auch als Mustervorlage – selbst der DuMont-Verleger lieh sich die Büchlein von mir zwecks Begutachtung aus. Albert Londres, 1884 in Vichy geboren, machte sich schon früh mit Reportagen und Berichten aus dem Ausland, die in »Le Petit Journal«, »Le Quotidien« oder »Le Petit Parisien« erschienen, einen Namen als Journalist. Londres ist Vorläufer des modernen »Investigativjournalismus« – er berichtete über die Hölle der Straflager in Französisch-Guayana und in Nordafrika oder aus dem Innenleben von Irrenanstalten, schrieb über den Handel mit Prostituierten nach Buenos Aires oder die Ausbeutung in Schwarzafrika.Seine explizite Stellungnahme gegen Rassismus, Ausbeutung und die Unterdrückung durch die Kolonialmacht machen seine Reportagen auch heute noch lesenswert. Im Mai 1932 starb der Journalist beim Brand des Schiffs, auf dem er auf der Rückfahrt aus Shanghai unterwegs war, wo er zur organisierten Kriminalität recherchiert hatte. Seit 1933 ist der heute renommierteste französische Journalistenpreis für Reportagen nach ihm benannt.

Tour der Qualen: Als ersten Band habe ich die Reportage über die »Tour de France, Tour de Souffrance« gelesen. Damals noch mehr als heute war die große Radrundfahrt durch Frankreich eine echte Quälerei – ohne Gangschaltung ging es zum Tourmalet hoch, kein Mannschaftstross half bei Unfällen oder Pannen, drei bis fünf Reifenwechsel am Tag und Starts mitten in der Nacht sind keine Ausnahme. Was es allerdings auch damals gab: Doping. Als Londres 1924 die Tour begleitete, trifft er am dritten Tag die Brüder Henri und Francis Pélissier in einem Café in Cherbourg, die die Tour soeben aus Protest abgebrochen haben und bei einer heißen Schokolade ›auspacken‹. Sie erzählen ganz offen vom Einsatz ihrer Fahrerapotheke – »Kokain für die Augen«, »Chloroform für das Zahnfleisch« und ein paar Salben und Pillen –, die sie durch die teils 20-stündigen Etappen tragen: »Bref! Nous marchons à la ›dynamite‹.« Londres folgt dem um die Wette radelnden Pulk in einem Renault mit Chauffeur, und je länger das Rennen dauert, desto absurder werden die mörderischen Strapazen und übermenschlichen Anforderungen. Londres ist fassungslos und kommentiert die Extremsport-Schinderei immer sarkastischer: Im Vergleich zu den Staubfressern der Tour de France seien Schwertschlucker und Fakire normale Menschen. »Le sport devient fou furieux…«, der Sport läuft Amok, das ist nicht nur das Fazit der beiden Pélissier.

Marseille: Kurt Tucholsky nennt den Journalisten einen Mann, der von einer großen Reporterleidenschaft wirklich besessen durch die Welt getrieben wird: »Albert Londres ist eine Nummer für sich.« (Bei den Verrückten, 1925). Obwohl der Reporter bereits große Teile der Welt bereist hatte, gelingt es ihm in der Marseille-Reportage, die große Hafenstadt am Mittelmeer staunend und unvoreingenommen wie ein junger Reisender zu entdecken. Der Vieux Port, heute ein ruhiger Jachthafen, ist 1926 noch Drehkreuz für das Kolonialreich Frankreich, ein betriebsamer Handels- und Passagierhafen mit enormen Warenumschlag: »Blé, riz, café, tabac, caoutchouc, os d’animaux«. Ja, tatsächlich: Tierknochen von Kamelen, Eseln, Schakalen und Hunden aus der Wüste für eine Marseiller Chemiefabrik! »Tonneaux de vin, tonneaux de rhum.« Wein aus Algerien, Rum von der Insel Martinique. Kohle aus England, Baumwolle aus Ägypten, Kork aus Marokko, Reis aus Saigon, Oliven aus Tunesien und noch viel mehr. Eine ebenso bunte Mischung an Menschen beobachtet der Journalist an der Canebière – da flanieren Hafenarbeiter und Seeleute, Kolonialbeamte und Marineoffiziere, Abenteurer und Emigranten mit Ziel Australien, Südamerika oder USA.

Ein Reporter und nichts als das: Der Band der Anderen Bibliothek – mit dem Tucholsky-Zitat als Titel – enthält mit »China aus den Fugen«, »Perlentaucher« und »Ahasver ist angekommen« drei neu ins Deutsche übersetzte Reportagen. Die männlichen Rezensenten – im Spiegel oder in der FAZ – freuen sich über die »fabelhafte Wiederentdeckung« von Albert Londres. Was sie hervorheben, zählt zu den Qualitäten guter Reportagen: Sie sind auch nach Jahrzehnten noch lesenswert. Leider kann keiner von ihnen die Spesenquittungen des eigenwilligen Journalisten unerwähnt lassen: »Sie war blond, 400 Francs«. Da wünscht sich wohl der ein oder andere die Zeiten zurück, als »Verpflegungsmehraufwand« und Deckelung von Bewirtungskosten noch kein Thema waren und man es dem »Meister des stilvollen Draufgängertums« gleichtun konnte…  »China aus den Fugen« erzählt von Kriegsherren, Gangstern, Bürgerkriegen und Drogen im Alltagschina zwischen Peking und Kanton, mit »Ahasver ist angekommen« unternimmt Londres eine Reise zu den Juden in Mitteleuropa und Palästina, in »Perlenfischer« wendet er sich 1931 arabischen Ländern zu.

Afrika in Ketten: Zu den Reportagen aus den Kolonien gehört »Terre d’ébène – La Traite des noirs«, zuvor hatte der Journalist bereits aus Indien und China berichtet. 1927 brach Albert Londres nach Afrika auf und verbrachte dort vier Monate in den französischen Kolonien. Sein erschütternder Bericht über Willkür, Unterdrückung und Schreckensherrschaft und die Inkaufnahme tausender Toter beim Eisenbahnbau und bei der Abholzung der Wälder im Namen der Zivilisation löste Empörung aus – über den Autor, nicht über die skandalösen Zustände. Ein wahrer Shitstorm brach los, » menteur«, »saltimbanque«, »canaille«, »ramassaeur de mégots«, »dingo«, »voyou«, »ingrat« waren nur einige der Beschimpfungen, denen Londres sich ausgesetzt sah.

 

 

Albert Londres, La Chine en folie (1922)

Albert Londres, Tour de France, tour de souffrance (1924)

Albert Londres, Pêcheurs de Perles (1931)

Albert Londres, Marseille, porte du Sud (1927)

Albert Londres, Terre d’ébène (1928)

Albert Londres, Ein Reporter und nichts als das, Andere Bibliothek, Berlin 2013 (enthält China aus den Fugen, Perlentaucher

Albert Londres, Afrika in Ketten. Reportagen aus den Kolonien, Andere Bibliothek, Berlin 2020

 

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