NEUE SACHBÜCHER IM HERBST

Buchmesse Frankfurt: Jetzt im September macht das digitale Blättern Spaß, denn die Verlage kündigen ihre Herbstnovitäten möglichst zur Buchmesse in Frankfurt an, die immer im Oktober stattfindet (www.buchmesse.de). Ehrengast ist in diesem Jahr Tschechien. Kritikerinnen der Zeitungsfeuilletons und Buchblogger, TV- und Rundfunk-Journalistinnen begleiten das vielfältige Programm mit Besprechungen von Neuerscheinungen und in Gesprächsrunden mit Autorinnen und Verlagsmenschen. Die Vielzahl an Romanen und Lyrik, Thrillern und Romantasy, Kinderbüchern, Ratgebern oder Graphic Novels habe ich nicht gesichtet, sondern mir nur aus den Herbstvorschauen der Verlage Sachbuchtitel vorgemerkt, die ich lesen möchte. Eine Auswahl, die zwar meinen ganz persönlichen Interessen folgt, deren Autorinnen und Autoren ich aber eine große Leserschaft wünsche. 2026 ist ein spannendes Sachbuch-Jahr und in diesem Herbst dürfen wir uns auf viele neue Denkanstöße freuen. Alle Zitate stammen aus den Vorschautexten.

 

Feminismus: »Fleisch, Geld, Muskeln« – mit diesen drei Attributen bringt Julia Ebner auf den Punkt, welche Gefahren von extremer Männlichkeit ausgeht. In ihrem Buch Von Fitness zu Faschismus (Suhrkamp, Oktober) fragt die Radikalisierungsexpertin danach, wann Männer für Gewalt empfänglich werden, wer daraus ein Geschäft macht und wie sie an das nationalistische Projekt von Extremisten verloren gehen. Von KI-gestützter sexualisierter Gewalt bis zu den reichweitenstarken Gurus der Manosphere und ihr Versprechen konstatiert die Autorin: »Dominanz über die Frau, gleich globale Hegemonie der starken Männer«.

Gunda Windmüller widmet ihr Buch Die Erfindung der Tochter (Rowohlt, November) den »Rebellinnen, Erbinnen und Ungewollten«. Das Tochtersein gilt als Privatsache, doch tatsächlich ist die scheinbar selbstverständliche Verwandtschaftsbeziehung qua Zuschreibung von Liebe, Gehorsam und Fürsorge » eine der wirkmächtigsten Figuren patriarchaler Ordnung«. Die Autorin will nachzeichnen, wie das Tochtersein unser Verständnis von Familie, Weiblichkeit und Freiheit bis heute prägt.

 

Gegenwartsthemen: Ein »prophetischer Essay« sei der Text von Aldous Huxley 1946 gewesen, deshalb wurde Zeit der Oligarchen (Hanser, bereits erschienen) nun wiederaufgelegt. Klarsichtig beschreibe der britische Autor eine »Tech-Oligarchie« und »geopolitische Machtspiele« in Zeiten gesellschaftlichen Umbruchs, »während Demokratie und Solidarität leiden.

Dem »Geschäft mit der deutschen Aufrüstung« geht Christian Schweppe nach: In seinem Buch Goldrausch (C.H:Beck, Oktober) beschäftigt sich der Journalist mit dem Boom der Rüstungsindustrie, die wie keine andere Branche von der »Zeitenwende« profitiert. »Gleichzeitig ist sie eine Blackbox: Die Öffentlichkeit erfährt kaum etwas über die Firmen, die Milliarden verdienen. Mit seiner Reportage will Schweppe aufdecken, wer hinter den Kulissen der deutschen Aufrüstung die Strippen zieht.

Susan Neiman analysiert in Nennen wir es böse (Hanser Berlin, September) die Krise der Demokratie aus der Perspektive der Ethik – in Zeiten einer Politik von Demagogen wie Trump. In ihrem Buch zeigt die Philosophin, wie die Normalisierung von Fehlverhalten das Vertrauen in den Rechtsstaat untergräbt und zu einer Erosion gemeinsamer Werte führt.

Die amerikanische Historikerin Jill Lepore (C.H.Beck, September) zeichnet mit Die Regierung der Maschinen den »Aufstieg und Fall des Künstlichen Staats« nach – ein »Weckruf« auf der Grundlage einer Fülle an beunruhigenden Fakten. Denn KI ist gegenwärtig in der Hand weniger Tech-Bros, »die glauben, das Recht zu haben, über unsere Zukunft zu entscheiden«.

In ihrem Buch Ein Kapitalismus, der allen nützt (Campus September) fragt Mariana Mazzucato, warum wir Klimaschutz, Gesundheit oder etwa die digitale Infrastruktur dem Profitdenken überlassen. Die Ökonomin plädiert mit ihrem Aufruf, bei der Verteilung von Gewinnen und Wissen gemeinsame Ziele ins Zentrum zu stellen, für eine politische Gestaltung der Märkte zugunsten des Gemeinwohls.

In dieselbe Richtung zielt Isabella Weber mit ihrer umfangreichen Übersicht, wie mit politischer Lenkung eine Antifaschistische Wirtschaftspolitik (Suhrkamp, Oktober) nicht mehr der Profitmaximierung das Feld überlässt und den weiteren Aufstieg der extremen Rechten verhindert. Grundzüge eines solchen Programms sind aus Sicht der Ökonomin »bezahlbare Güter des alltäglichen Bedarfs, demokratische Kontrolle der Konzernmacht, Kooperation statt Nationalismus«.

 

Ökologie: »Klima-Paradoxon« nennt Jan Eike Dunkhase den Teufelskreis, dass wir immer mehr kühlen müssen und unser Planet dadurch noch wärmer wird. Supermarkt, Rechenzentrum oder private Klimaanlage, der Bedarf an künstlicher Kälte wächst. »Ohne Kältemaschinen steht das moderne Leben still.« In seinem Buch Kühle neue Welt (Reclam, bereits erschienen) geht der Historiker der Bedeutung künstlicher Kühlungstechnologien für Ernährung, Medizin und digitale Welt nach.

Christian Welzbacher hat für seinen Essay über Das asphaltierte Trauma (Matthes & Seitz, Oktober) eine »Reise durch Deutschland entlang der B1« unternommen. In »reportagehaften Szenen, essayistischen Reflexionen und dichten Porträts« lässt der Autor die »bedrückende Gegenwart« in einem zerrütteten Land erfahrbar werden.

 

Geschichte: Über längere Zeit, vom September 1936 bis zum April 1937 hat Samuel Beckett ein umfangreiches Tagebuch geführt. Die German Diaries (Suhrkamp, bereits erschienen) entstanden auf der großen Deutschlandreise des irischen Autors, die ihn nach Hamburg, Berlin, Dresden und München führte, enthalten reichlich Stoff an Beobachtungen bei Museumsbesuchen, Spaziergängen durch die besuchten Städte. Historisch bedeutsam sind sie wegen des unbestechlichen Blicks, den Beckett auf deutschen Alltag und den erstarkenden Nationalsozialismus wirft, von den Herausgebern und der Übersetzerin in Einleitung, Sachkommentar und Nachbemerkungen erläutert.

Vor dreißig Jahren hat Willi Jasper ein Buch über das Hotel Lutetia veröffentlicht, jetzt widmet sich Jane Rogoyska mit ihrem Buch Hotel Exile (Insel Verlag, November) der wechselvollen Geschichte dieser Pariser Institution vor, während und nach der deutschen Besatzung Frankreichs im Zweiten Weltkrieg. Anhand literarischer Quellen und Zeitzeugenberichte erzählt die Autorin von der französischen Hauptstadt im Krieg und einem Hotel als Brennpunkt von Flucht, Terror und Befreiung.

 

Biografien: Zwei Schriftstellerinnen erfahren neue biografische Würdigungen – in aller Ausführlichkeit porträtiert Francesca Wade das Leben und Schreiben von Gertrude Stein (BTB, bereits erschienen). Die in den USA geborene Autorin zog 1903 nach Paris und gilt als zentrale Figur der literarischen Moderne.

Tobias Lehmkuhl spielt mit dem Titel Keine von uns (Rowohlt Berlin, Oktober) für seine Biografie von Irmgard Keun auf eines ihrer bekanntesten Werke an (Gilgi – eine von uns). »In ihrem Leben und Werk spiegeln sich die furiosen Zwanziger, die NS-Zeit, die BRD; Ruhm und Vergessen – bis sie ihre späte Wiederentdeckung in der Bundesrepublik erleben durfte.«

 

Spezialisten: Sverker Sörlin ist Glaziologe also Experte für Schnee (BTB, Oktober). In seiner Kulturgeschichte geht es aber nicht nur um den Klimawandel, sondern auch um Schnee als »Inspiration für unzählige Kunstschaffende und Schauplatz atemberaubender Tragödien und Überlebenskämpfe.«

Urs Büttner will mit Schnee (Wallstein, Dezember) wiederum nicht weniger als eine »Globalgeschichte literarischer Meteorologie« liefern. » Von der Schneeflocke zur Kryosphäre zeichnet die Studie nach, wie sich meteorologisches Wissen im Wechselspiel von Literatur und Naturkunde seit der Kleinen Eiszeit bis zum Klimawandel formiert.«

Gavin Pretor-Pinney will mit seinem Handbuch für Wolkengucker (Liebeskind Verlagsbuchhandlung, September) »für den sorglosen, zweckfreien und unendlich lebensbejahenden Zeitvertreib des Wolkenguckens begeistern«.