TYPISCH PARIS: BISTRO-TRESEN
Eine Pariser Institution: So wie der Eiffelturm als Wahrzeichen für die architektonischen Sehenswürdigkeiten der französischen Hauptstadt steht, verkörpert das Bistro die Lebensart von Paris. Der Anthropologe Marc Augé hat dem so typischen, »vom Morgen bis in den Abend, bereits recht früh und noch recht spät, in jedem Fall aber durchgehend« geöffneten Lokal eine Liebeserklärung gewidmet, die »Éloge du bistrot parisien« (dt. Übersetzung von Felix Kurz bei Matthes & Seitz, Berlin 2016, der sich für die Schreibweise Bistro entschieden hat).
Le zinc: Und kein Bistro ohne Tresen! Das Fehlen eines Tresens sei gleichzusetzen mit dem Verzicht darauf, ein Bistro zu sein, führt Augé gleich zu Beginn seiner durchaus nostalgischen Notizen aus. Er erinnert sich an Bistros, in denen sich am Tresen eine bunte Mischung aus Markthändlern. Lieferanten und Schlachtergesellen traf, »alles Leute, die früh aufstanden und nicht abgeneigt waren, sich morgens mit einem Schnaps oder einem Glas Rotwein aufzuwärmen« (Seite 21). Und an ruhigere Lokale für redselige, beschwingte Zusammenkünfte für Studierende und Dozenten, in denen sie Diskussionen aus dem Seminar fortsetzten, am Tresen Theorien und Konzepte entwickelten.
Ein Tag am Tresen: In aller Frühe taucht die Kohorte der Einzelgänger auf, die beim »petit café« kurz in der Zeitung blättern, dann nach einem Blick auf die Uhr wieder das Weite suchen und zur Metro oder zum Bus eilen. Nach dem Abebben des morgendlichen Andrangs lehnen vorwiegend Stammgäste aus der Anwohnerschaft am Tresen, bis mittags die zweite Stoßzeit beginnt. Weil es kaum Kantinen in den Büros und Betrieben der Metropole gibt, bieten auch die Cafés und Bistros Sandwiches und Tagesgerichte an, als »formule« für den eiligen Gast. Aber selbst zur Essenszeit bleibt der Tresen »Mittelpunkt des Geschehens«, hier ist ein Gespräch immer möglich, werden Tipps ausgetauscht und Kommentare aller Art geäußert, »nur ein paar Einzelgänger meditieren still über ihrem Bier« (Seite 39).
L’heure de l’apéro: Gehen wir ein Glas trinken? Spätestens gegen 19 Uhr belebt sich nach der Nachmittagsflaute der Austausch am Tresen erneut. Während der Wirt mit den redseligeren Gästen diskutiert, kann er noch Hand anlegen und zapfen oder Gläser trocknen. Der Apéro als eines der französischen Rituale wird heute auch deswegen gern gepflegt, weil Bier, Wein und Cocktails zur »Happy Hour« weniger kosten – im teuren Paris ein nicht zu unterschätzender Aspekt.
Verzinkt? Ein metallischer Überzug schützt den Tresen aus Holz vor Wasser und Verschüttetem – im französischen Begriff »zinc« noch zu erkennen. Doch gefertigt wird die Arbeitsfläche aus (dem weicheren, biegsamen) Zinn (étain), nicht aus (dem härteren) Zink, trotz der sprachlichen Nähe. Im Lauf der Zeit nimmt sie eine silberne Patina an. Mit teils sehr alten Gussformen versehen Manufakturen wie L’Étainier tourangeau in Montbazon oder Étains de Lyon in Villeurbanne die Randprofile mit dekorativen Motiven und Mustern.
