KLASSIKER LESEN: HONORÉ DE BALZAC – THEORIE DES GEHENS

Theorie des Gehens: »Ist es in der Tat nicht wirklich ganz außergewöhnlich festzustellen, dass, seit der Mensch geht, sich niemand je die Frage gestellt hat, warum er geht, wie er geht, ob er geht, ob er besser gehen könnte, was er beim Gehen tut, ob es kein Mittel gäbe, seinen Gang zu reglementieren, zu verändern, zu analysieren«, konstatiert der Schriftsteller Honoré de Balzac (1799–1850). Niemand habe bislang die menschliche Bewegung auch nur eines Gedankens für würdig befunden, lieber habe man sich mit dem Lauf der Gestirne und anderem befasst. Ein »Gesetzbuch des Gehens«, ausgehend von Beobachtungen an Pariser Spaziergängern auf den Boulevards, will der zu dieser Zeit bereits erfolgreiche Autor daher nun selbst vorlegen, und tatsächlich erschien sein Essay »Théorie de la démarche« im Jahr 1833 in vier Folgen in der Zeitschrift »L’Europe littéraire«.

Die Beredsamkeit des Ganges: »Wer von uns denkt schon ans Gehen, während er geht? Niemand. Mehr noch, ein jeder rühmt sich gehen zu können, während er denkt.« Um den Zusammenhang von Gehen und Denken geht es nur kursorisch, tatsächlich entwickelt Balzac in seiner Studie keine Theorie des Gehens, sondern eine anthropologische »Physiologie der Gangarten« – in der Tradition Johann Caspar Lavaters will er vom Äußeren auf das Innere des Menschen schließen. Einer Gangart lasse sich nicht nur Eile oder Muße ablesen, einem aufmerksamen Beobachter erlaube sie auch Rückschlüsse auf Laster, Krankheiten oder schlechtes Gewissen, auf »Gewohnheiten und die intimsten Geheimnisse des Lebenswandels«. Oder erleichtert die Wahl einer standesgemäßen Braut für den Thronfolger – Balzac führt zur »Charakterdiagnostik« eine Anekdote aus der Welt des Hochadels an: Unter drei vorgestellten Töchtern wählt die Kaiserin die Zweitälteste, ohne auch nur ein Wort mit den jungen Frauen gewechselt zu haben, allein aufgrund ihrer Art, aus der Kutsche auszusteigen. Zeitgenössische Lithografien und Zeichnungen illustrieren den kreativen Dialog Balzacs mit den Karikaturisten seiner Zeit.

Die menschliche Komödie: Für sein vielbändiges Panorama der französischen Gesellschaft, »La Comédie humaine«, plante Balzac über 130 Romane und Erzählungen, mit dem Ziel, die Werke durch vielfache Querbezüge »miteinander zu verknüpfen, so daß durch die Nebeneinanderordnung eine vollständige Geschichte entstand« (Vorrede zur Menschlichen Komödie, 1842). Rund 90 Werke konnte der Schriftsteller zeitlebens beenden, und in ausführlichen Anmerkungen und seinem Nachwort situiert der Wissenschaftshistoriker und Soziologe Andreas Mayer, der den Band herausgegeben und den Text neu übersetzt hat, die Position der »Theorie des Gehens« in diesem Gesamtwerk. Für die keineswegs kleine Aufgabe, »die zwei- oder dreitausend markanten Gestalten einer Zeit zu schildern« (Vorrede) teilte Balzac seine Romane in Kategorien ein, Szenen aus dem Pariser Leben, Szenen aus dem Provinzleben, Szenen aus dem Privatleben und weitere. Diese »Sittenstudien«, die den größten und bekanntesten Teil von Balzacs ehrgeizigem Großprojekt umfassen, bilden wiederum das Fundament für »Philosophische Studien« zu den Ursachen der gesellschaftlichen Entwicklung, noch darüber stehen die »Analytischen Studien«, die sich der Suche nach den Grundsätzen widmen. Zu letzterem zählen neben Balzacs Essay »Theorie des Gehens« auch die »Physiologie der Ehe« (1829), die »Abhandlung über das elegante Leben« (1830) und die »Abhandlung über moderne Stimulanzien« (1839).

 

Honoré de Balzac: Theorie des Gehens, herausgegeben und aus dem Französischen übersetzt von Andreas Mayer, Friedenauer Presse, Berlin 2022

 

 

 

 

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