GÄRTEN DER NORMANDIE: JARDINS SUSPENDUS IN LE HAVRE

Bis mittags Nebel: Mittags stand mein Zwischenstopp in der Hafenstadt am Ärmelkanal kurz vor dem Aus – bei grauem, wolkenverhangenem Himmel, Wind und Nieselregen wirkte Le Havre ziemlich trist. Doch ab dem Moment, als ich beim Office de Tourisme auf die Strandpromenade bog, wurde aus Zurückhaltung bei der Stadterkundung zuerst gute Laune und dann recht schnell echte Begeisterung. Kurz entschlossen habe ich mich daher auch noch auf den Weg zum botanischen Garten gemacht und über steile Sträßchen und Treppen die Anhöhe über der Unterstadt erklommen (vom Office de Tourisme oder vom Rathaus benötigt man etwa 20 Minuten). Und manchmal wird Ausdauer belohnt: Oben angekommen löste die Sonne den Nebel auf und der blaue Himmel setzte das Grün bestmöglich in Szene.

Hängende Gärten: Ein Kontrastprogramm nicht nur zur belebten Strandmeile, an der am Samstagnachmittag die ganze Stadt versammelt schien! Eindrucksvoll ist vor allem, was für eine friedliche Idylle aus einem für den Krieg gebauten Ort werden kann. Denn die »Jardins Suspendus« entstanden an der Stelle eines Forts aus dem 19. Jahrhundert hoch über der Stadt und sind ein wirklich gelungenes Beispiel der Umwidmung einst militärisch genutzter Flächen. Jetzt fügen sich Themengärten, Gewächshäuser und ein bisschen (nachhaltiger, naturfreundlicher) Wildwuchs in die Überreste der ehemaligen Bollwerke, Gräben und Kasematten ein. Und nur der »grüne Teppich« (tapis verts), die Rasenflächen in der Mitte des von Festungswällen umgebenen Innenhofs, erinnern noch an militärische Ordnung und Truppenaufstellungen. Flankiert werden sie von den Gewächshäusern und vom Duftgarten, dessen wohlriechende Blüten und würzig-aromatische Kräuter und Sträucher vielleicht sogar die Sinne soldatischer Typen erwecken.

Wallpromenade: Der Spaziergang auf den Wällen bietet nicht nur einen außergewöhnlichen Blick auf den Ärmelkanal, den Strand, die Unterstadt und die scheinbar endlos aufeinander folgenden Containerschiffe, die Le Havre ansteuern, sondern führt auch zu den verschiedenen Themengärten, die in den alten Bastionen der früheren Befestigungsanlage angelegt wurden – als eine Art botanische Weltreise. Im australischen oder asiatischen Garten sind Vegetationsformen anderer Kontinente zu sehen, deren Pflanzen wie die Entdecker und Seefahrer erst Ozeane überqueren mussten, um hier in der Normandie Wurzeln zu schlagen.

Die Brisanzgranatenkrise: Übrigens tat das imposante Fort nicht allzu lange Dienst. Das Mitte des 19. Jahrhunderts aus Ziegeln errrichtete Fort de Sainte-Adresse wurde unter Einsatz von rund 400 russischen Gefangen (aus dem Krimkrieg) erbaut. Ein Rolle spielte es im Deutsch-Französischen Krieg, doch schon ab den 1880er-Jahren verlor es durch die Entwicklung der militärischen Artillerie (insbesondere durch neue Sprengstoffe für die Belagerungsgeschütze und die Erfindung des »Raketenwerfers«, frz. obus-torpille, engl. torpedo shell) an Bedeutung. Da die Sprenggranaten die Ziegelwände durchschlugen, waren alle »modernen«, in den 1870er-Jahren erbauten Festungen schon wenige Jahre darauf obsolet; ihre Wälle aus Mauerwerk und Erde widerstanden den Brisanzgranaten nicht (der deutsche Name leitet sich von »briser« für zerbrechen, zertrümmern ab). Ein Wendepunkt im Befestigungsbau: Von nun an wurden Forts aus Beton und Stahl errichtet und weitgehend unter die Erde verlegt, um Schutz zu bieten. 2005 hat die Stadt das lange Zeit unzugängliche Fort erworben und ab 2008 dort den botanischen Garten angelegt.

Gewächshäuser und Jardin d’Essais: Den Botanikern früherer Jahrhunderte gewidmet, die exotische Pflanzen überhaupt erst in die Normandie brachten, sind auch die Gewächshäuser. Die Beziehung zwischen Pflanzen und Meer, Reisen und Entdeckungen ist sozusagen der rote Faden des botanischen Gartens. Den Abschluss des Rundgangs durch die Gewächshäuser bildet der Versuchsgarten der städtischen Gärtner. Mit seinen abwechslungsreich gestalteten Blumenbeeten liefert er auch Hobbygärtner:innen Anregung für daheim – bei meinem Besuch waren nicht nur Blütenträume Thema, sondern auch ein frisch angelegter »potager« mit Nutzpflanzen. Bevor man nun auf der Terrasse der Orangerie den Frieden dieses Orts bei einem Getränk oder Salat auf sich wirken lässt, sei noch ein Abstecher zum Rosengarten empfohlen.

Normandie Le Havre Jardins Suspendus

Normandie Le Havre Jardins Suspendus

Normandie Le Havre Jardins Suspendus

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