DREI GOETHE-INSTITUTE IN FRANKREICH SCHLIESSEN

Gastbeitrag von CHRISTOPH FISCHER: Bundeskanzler Olaf Scholz mundete das Fischbrötchen. Wenn man dagegen in die Gesichter von Frankreichs Staatspräsident Emmanuel Macron und Gattin Brigitte schaute, konnte man da nicht so sicher sein. Vielleicht lag das auch nicht nur an den legendären Brötchen des Hamburger Fischmarktes, sondern auch daran, dass sich die Beziehungen zwischen beiden Ländern nicht gerade auf einen neuen Höhepunkt zubewegen. Es passt ins Bild, dass die Ampelkoalition Ende des Jahres drei der acht Standorte des Goethe-Instituts in Frankreich schließen will. Bordeaux, Straßburg und Lille sollen ihre Pforten dicht machen.

In Frankreich und in Deutschland regt sich die Kritik – vor allem an Annalena Baerbock von den Grünen. Der Vorwurf: Die Bundesaußenministerin beschädige nicht nur die Institute, die sich auf Johann Wolfgang Goethe als herausragenden literarischen Genius Deutschlands berufen, sondern auch das europäische Erbe und insbesondere die deutsch-französische Freundschaft. Was man berücksichtigen muss: Immerhin bestehen die Institute in Paris, Nancy, Lyon, Toulouse und Marseille weiter. Aber auch Genua, Triest und Turin in Italien schließen. Dass die Schließungen erfolgen, wo die Europäische Kommission das neue Programm »Kultur bewegt Europa« ausruft, ist allerdings sehr unglücklich.

Dass auch die Franzosen insgesamt nicht mehr gut auf die Deutschen zu sprechen sind, verschärft die Krise. Und schließlich wachsen die rechtsradikalen Kräfte in beiden Ländern hochprozentig. Immerhin ging es Goethe stets um das Einander-Verstehen, den Dialog, die Völkerfreundschaft, um Weltoffenheit und Frieden. Da in Europa und in der Welt zusehends aggressive, populistische Nationalismen und Diktaturen die freiheitlichen Gesellschaften im Kern bedrohen, schlagen nicht nur die Kulturschaffenden Alarm. Nota bene: Noch immer fehlt die konzeptionelle Antwort der deutschen Politik auf Macrons große Sorbonne-Rede von 2017, in der der Präsident eine differenzierte Vertiefung der Europäischen Union fordert. Frankreich wartet, in Deutschland erinnern sich viele schon gar nicht mehr an die zukunftsorientierten Worte Emmanuel Macrons.

Goethes Auszug aus europäischen Kulturmetropolen wirkt da intensiver als zu Normalzeiten. Im November beginnen in den französischen Instituten die Deutschkurse, die Goethe-Institute gelten als die herausragenden Botschafter der deutschen Sprache in der Welt. Dass in diesen Zeiten 130 Mitarbeiter ihre Jobs in Frankreich verlieren, ist ein schlechtes Zeichen. Fanden auch die Unions-Abgeordneten Armin Laschet, Andreas Jung und Volker Ullrich und schrieben einen Brandbrief an den Bundeskanzler, die Institute in Frankreich zu erhalten. Noch sind es 158 Institute in 98 Ländern, aber die Schließung mit einer neuen »geopolitischen Ausrichtung« wortreich zu begründen anstatt die klammen Kassen als Grund zu nennen, diese Gaukelei ist mit den Händen zu greifen. Emmanuel Macron macht es jedenfalls zum Inhalt in den EU-Konsultationen.

Carola Lentz, Chefin der Goethe-Institute, und ihr Generalsekretär Johannes Ebert sprechen lieber von den in Aussicht gestellten Neugründungen im Südpazifik und in Asien als von Schließungen in Frankreich, auch das muss man aus ihrer Sicht verstehen. Aber das Problem bleibt offensichtlich, geht es doch um die Funktion und Mission der Institute als größte internationale deutsche Verständigungsplattform – weit über die simple Sprachvermittlung hinaus. Die Goethe-Institute gelten nicht zu Unrecht als das partnerschaftliche, kulturell-geistige Netzwerk der modernen deutschen Demokratie. Jedes geschlossene Institut muss da als Affront wirken. Und deshalb ist der kulturelle Aufschrei mehr als berechtigt, »katastrophale politische Ignoranz« werfen die Kulturschaffenden der deutschen Bundesregierung vor.

Es passt ins Bild, dass selbst in Washington D.C. eines der größten Institute geschlossen werden soll. Insgesamt sind es neun, deren Ende weltweit beschlossene Sache ist. Nicht nur Macron reagiert enttäuscht auf das diplomatische Debakel, Frankreichs Führung spricht von einer »decision prise de manière unilatérale«, einer einseitigen Entscheidung der deutschen Politik. 2021 wurden die Institute von der Bundesregierung mit 250 Millionen Euro gefördert, 2023 waren es 239 Millionen, im Entwurf des Haushaltes für 2024 stehen noch 205 Millionen. Johann Wolfgang Goethe dreht sich in seinem Grabe. (GEA)

Goetheinstitut Paris

 

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