GREGOR HENS: DIE STADT UND DER ERDKREIS
Erkundungen: Eigentlich könnte ich hier den Klappentext abschreiben, um zu erläutern, warum es sich lohnt, das Buch von Gregor Hens zu lesen. Nehmen wir nur den ersten Satz: »Städte sind wie Bibliotheken. Wir gehen durch ihre Straßen, ziehen hier und dort ein Buch heraus, blättern und lesen.« Wer wollte da »Die Stadt und der Erdkreis« nicht gleich aufschlagen und mit der Lektüre beginnen? Zumal man den Band aus der Anderen Bibliothek ohnehin gern in die Hand nimmt, samt Schuber stimmig gestaltet von Bettina Arlt und Lena Kleiner (favoritbuero München) und hergestellt mit haptisch überaus angenehmem Papier. Doch ich versuche es mal selbst…
Ein kluger Typ: Mit spielerischer Leichtigkeit und beneidenswerter Belesenheit, hinter der man als Leserin eine gedankenschnelle, wendige Intelligenz zu konstatieren meint, knüpft Hens erstaunliche Verbindungen. Nicht immer zu Naheliegendem, geradezu sprunghaft wechseln die Perspektiven, doch man folgt dem Autor ausgesprochen gern auf Wegen und bei Gedankenspielen, um neugierig geworden anschließend eigene Entdeckungen zu machen. Man teilt sein Faible für Karten und das Stadtwandern, träumt mit ihm davon, eine Stadt zu durchschwimmen, schätzt wie Hens Parks und Bibliotheken als unsere »letzten verbliebenen Allmenden«, während ansonsten »beinahe die gesamte Landfläche unserer Erde einschließlich der Wüsten und Urwälder verkauft, verteilt und verplant« ist. »Die Stadt und der Erdkreis« ist ein Beispiel dafür, wie faszinierend es sein kann, »vom Hundertsten ins Tausendste zu kommen«. Die Briten formulieren das mit »one thing led to another« etwas eleganter: Mühelos erschließt Hens eine Fülle an Material, Themen und Ideen, verbindet Nahaufnahme und Vogelperspektive, Literatur, Essay und Theorie.
Fortsetzung folgt: Mindestens so viel wie um urbane Räume und Randgebiete von Köln und Berlin bis nach Santiago de Chile und Shenzen, um Stadtplanung und Stadtpläne, geht es um Filme, Bücher und Lektüren. Der mit autobiografischen Bezügen verwobene Text, vom Verlag als »creative nonfiction« bezeichnet, »verzweigt« sich in viele weitere Bücher – was ein gutes Sachbuch ja geradezu ausmacht. Oder wie Gregor Hens vermutet, jedes Buch sei »in allen Bibliotheken der Welt über seine Themen, Fußnoten und Schlagwörter mit allen anderen Büchern verbunden [..], so wie jede Straße einer Stadt mit allen anderen verbunden ist.« Nach der Lektüre aus dem Regal geholt und wiedergelesen habe ich beispielsweise »Versuch, einen Platz in Paris zu erfassen« von Georges Perec, der Anfang der 1970er Jahre an der Place Saint-Sulpice noch apfelgrüne 2CV beobachten kann, »Die unsichtbaren Städte« von Italo Calvino aus derselben Zeit, in dessen Kapiteln Städte im Müll versinken, nur aus Wasserleitungen bestehen oder sich verdoppeln, »Ein Flaneur in Berlin« vom passionierten Spaziergänger Franz Hessel, die Anleitung zum »Verirren« von Kathrin Passig und Aleks Scholz, in der es ebenfalls viel um Karten und um Orientierung geht, und die unter dem Titel »In einer Welt von Fremden« erschienene Anthropologie der Stadt von Rolf Lindner.
Gregor Hens, Die Stadt und der Erdkreis, Die Andere Bibliothek, Berlin 2021, www.gregor-hens.de