TREPPEN, STIEGEN, STÄFFELE: EINE TREPPE IN DER UNIVERSITÄT MÜNSTER
Münster mal anders: Für unseren Ausflug nach Münster haben wir nur einen Vormittag Zeit. Und gleich unser zweites Ziel nach dem samstäglichen Wochenmarkt auf dem Domplatz ist statt irgendwelcher Top Ten das Gebäude des Instituts für Kommunikationswissenschaft der Universität Münster. Aus Nostalgie zieht es meinen Mann, Journalist von Profession, in jeder Stadt zu den Stätten seines Wirkens und seiner Ausbildung, ob ausgediente Olympiastadien in Athen oder eben Haus E Bispinghof 9–14. Nach kleinem Fußmarsch und kurzer Suche finden wir es, und die gläserne Eingangsrotunde ist glücklicherweise nicht abgesperrt. Angesichts der geschwungenen Treppe verstehe ich, warum er diese Stufen nochmal rauf und runter traben will…
Glaskunst im Treppenhaus: Bei Sonnenschein sorgt die Verglasung für ein farbenfroh leuchtendes Lichtspiel, das Generationen von Studierenden auf ihren Wegen im gesamten Treppenaufgang begleitete. Das Gebäude wurde in den 1950er Jahren ursprünglich als Ärztehaus und Kantine für die Landesversicherungsanstalt gebaut. Daher wählte der Künstler Hubertus Brouwer (1919–1980) das Thema »Wachsen und Gedeihen«: Die abstrakten, organischen Formen und die leuchtenden Farben des Antikglases sollen Vitalität, Gesundheit und das biologische Wachstum symbolisieren. Der niederländische Maler, Grafiker, Keramiker, Glas- und Mosaikkünstler konnte nach dem Zweiten Weltkrieg seine Ausbildung beenden und erhielt schon bald Aufträge, für Kirchenfenster und Kunst am Bau in öffentlichen Gebäuden, sodass er sich schon in jungen Jahren ausschließlich der Kunst widmen und seinen Brotberuf aufgeben konnte (www.hubertus-brouwer.de).
Midcentury: Der Fifties-Wohnstil ist schon länger ein zeitloser Favorit unter Interior-Fans. Doch was als Mobiliar wieder Konjunktur hat, wird als Architektur oft abgerissen. Dabei sind Mehrfamilienhäuser der Nachkriegsmoderne trotz der Materialknappheit oft detailfreudiger und einfallsreicher gestaltet als die uninspirierten Wohnkisten der Gegenwart (wie etwa eine Stadtführung in Köln zum Thema Balkone schnell offenbart). Nach den starken Zerstörungen im Zweiten Weltkrieg erlebte die monumentale Glaskunst und Glasmalerei eine große Blütezeit, doch wird sie oft noch als wenig erforscht und unterschätzt wahrgenommen. Ein Hinweis für die Denkmalpflege im Münsterland: Mein Mann ist nicht der einzige, der das Treppenhaus und die großen Bleiglasfenster nach Jahrzehnten erneut sehen will. Einen Journalistenkollegen von der TAZ zog es nach 40 Jahren ebenfalls wieder ins Institut und zur »gut erinnerlichen riesigen bunten Wandkunst, wie von einem Westfalen-Kandinsky geschaffen« (Bernd Müllender, Das Gewusel der Studierenden in Münster von damals, TAZ 17.12.2025)

