WELTKULTURERBE WEISSENHOFSIEDLUNG STUTTGART

Unweit der Stuttgarter Kunstakademie blieb mit der Weißenhofsiedlung richtungweisende Architektur der Bauhaus-Zeit erhalten. In den 1920er-Jahren zählten die Bauten von Le Corbusier und Mies van der Rohe zur Avantgarde der architektonischen Moderne. Mit kubistischer Strenge setzte man sich von der Naturornamentik des Jugendstils wie vom Prunk der Belle Epoque ab.

Ab 1927 entstand in Stuttgart unter der Leitung von Ludwig Mies van der Rohe ein ganzes Ensemble von Bauten. Beteiligt waren mehr als ein Dutzend später weltberühmter Architekten aus Deutschland, Belgien, den Niederlanden, Österreich und der Schweiz, darunter mit Walter Gropius, Hans Scharoun, Hans Poelzig, Peter Behrens, Bruno Taut und Le Corbusier einige der wichtigsten Baumeister des 20. Jahrhunderts. Seit Juli 2016 gehören zwei von Le Corbusier (1887–1965) geplante Häuser – gemeinsam mit 15 weiteren Bauten in sieben Ländern – zum Weltkulturerbe der UNESCO, darunter das Gebäude an der Rathenaustraße, in dem sich das Weißenhofmuseum befindet. Das zweite ist das Haus Citrohan am Bruckmannweg. Den Antrag, die Bauten von Le Corbusier ins Weltkulturerbe aufzunehmen haben diese sieben Länder gemeinsam gestellt – neben Frankreich und Deutschland waren auch Argentinien, Belgien, Indien, Japan und die Schweiz beteiligt.  Wie für die Corbusier-Villen, -Siedlungen und Wohnmaschinen in Paris, Marseille und Bordeaux klappte die Aufnahme erst im dritten Anlauf, zuvor war der internationale Antrag zweimal abschlägig beschieden worden.

 

Anlass für die Mustersiedlung war die Bauausstellung „Die Wohnung“, Initiator der Deutsche Werkbund (DWB). Angesichts der schlechten wirtschaftlichen Lage zur Zeit der Weimarer Republik waren Wohnbauten gefragt, die mit geringen finanziellen Mitteln in kurzer Bauzeit errichtet werden konnten. Rationelles Bauen wurde erprobt, um etwa durch Vorfabrikation der einzelnen Bauteile und Verwendung neuer Materialien wie Stahl und Eisenbeton zugleich erschwingliche, helle und gut durchlüftete Architektur mit innovativen Grundrissen zu ermöglichen. Sichtbarstes Zeichen der Modernität waren die Flachdächer. Der geradlinige, schnörkel- und schmucklose Stil der Neuen Sachlichkeit passte zur Aufbruchsstimmung der 1920er-Jahre: Zur Eröffnung der Mustersiedlung kamen eine halbe Million Menschen.

Von Traditionalisten und selbst Architekten wie Paul Bonatz allerdings als »Vorstadt-Jerusalems« geschmäht, verschärfte sich der Ton 1933, nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten, noch: Als »Araberdorf« und »entartete Architektur« galt die Weißenhofsiedlung, gänzlich »undeutsch« seien Flachdächer. Während aber anderswo im Dritten Reich solche ungeliebten Bauten wie das Kugelhaus in Dresden tatsächlich abgerissen wurden, blieb dies in Stuttgart nur ein Vorhaben. Bei den Luftangriffen 1944 während des Zweiten Weltkriegs wurden jedoch ein Teil der Häuser zerstört.

Dass die Siedlung seit 1958 unter Denkmalschutz steht und heute als klassische Moderne und Baudenkmal von internationalem Rang geschätzt wird, verdankt sie dem Einsatz des Vereins »Freunde der Weißenhofsiedlung«, der auch eine gründliche Sanierung in den 1980er-Jahren bewirkte. In einer Hälfte des Doppelhauses der französisch-schweizerischen Architekten Le Corbusier und Pierre Jeanneret befindet sich das Weißenhofmuseum zur Geschichte der Siedlung, die andere Hälfte zeigt das Haus im rekonstruierten Zustand in den Originalfarben von 1927.

Adresse: Am Weißenhof, Bruckmannweg, Pankokweg, Friedrich-Ebert-Straße, Hölzelweg, Rathenaustraße

Haltestelle: Killesberg, U5, U12, Kunstakademie, Bus 44

http://www.weissenhofsiedlung.dehttp://www.weissenhof.de

Nicht die gesamte Weissenhofsiedlung gehört nun zum Weltkulturerbe, sondern nur die beiden von Le Corbusier geplanten Gebäude. Führungen durch das Musterhaus werden vom Weißenhofmuseum veranstaltet, Di–Sa 15, So 11 und 15 Uhr, Dauer etwa 45 Minuten, Tickets 5 €, ermäßigt 4 €, große Führung (90 Minuten, inklusive Rundgang durch die Siedlung) 7,50 €, ermäßigt 5 €.

Weißenhofmuseum, Rathenaustr. 1–3, Tel. 0711 / 257 91 87, Di–Fr 11–18, Sa und So 10–18 Uhr, Eintritt 5 €, ermäßigt 2 €, Kinder bis 10 Jahre frei

 

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