FRANZÖSISCHE ORIGINALE: TOLIX

Seit über 80 Jahren produziert die Firma Tolix nahezu unveränderte Stühle und Hocker aus Metall. Das ist mehr als ungewöhnlich, denn vor einem Dutzend Jahren war das französische Unternehmen eigentlich am Ende. Heute werden »Chaise A« und andere Modelle wieder in rund 50 Farben angeboten und in mehr als zwei Dutzend Länder exportiert, das Modell gilt als Klassiker, Kult-Objekt und Ikone industriellen Designs, Exemplare stehen im Vitra Design Museum in Weil am Rhein, im MoMA in New York und im Centre Georges Pompidou in Paris.

Die nun schon länger so angesagten Tolix-Stühle gehen auf Xavier Pauchard (1880–1948) zurück, einen Pionier der Galvanisierung in Frankreich. Das Verfahren wurde schon im 18. Jahrhundert von Luigi Galvani entdeckt, wurde aber zu Beginn des 20. Jahrhunderts noch wenig genutzt. Den unternehmungslustigen Pauchard, der aus einer Blech-Dachdecker-Familie stammte, interessierte die Tatsache, dass man durch Galvanisieren, also durch das Beschichten eines Metalls mit einer dünnen Schicht eines anderen Metalls, vor Rost schützen kann. Er besorgte sich ein englisches Fachbuch, experimentierte mit dem Verfahren und gründete um die Zeit des Ersten Weltkriegs anschließend eine Manufaktur: Als erster in Frankreich begann er mit der Herstellung von Haushaltsartikeln aus galvanisiertem Blech.

Um zu expandieren, erweiterte Pauchard in den 1920er-Jahren sein innovatives Produktsortiment: Zu seiner Zeit üblich für Möbel war nur Holz, doch unter dem Markennamen Tolix (tôle für Blech) stellte Pauchard nun auch Stühle, Armlehnstühle, Hocker und Tische aus Stahl her – »Chaise A« kam 1935 auf den Markt. Noch im selben Jahr standen auf den Decks des legendären Ozeandampfers Normandie (dessen Nachruhm auch seiner außergewöhnlichen Ausstattung gilt) den Gästen Tolix-Stühle zur Verfügung. Im Jahre 1937 folgte der Durchbruch, als Pauchard den Auftrag erhielt, die große internationale Weltausstellung in Paris mit dem Stuhl auszustatten: In tausendfacher Verbreitung sorgte er dort für Furore. Von da an kamen die Stahlblechstühle drinnen wie draußen zum Einsatz, in Büros und Fabriken, Krankenhäusern und Sanatorien, auf Caféterrassen und in Parks.

Ende der 1950er-Jahre, als Nachfolger hatte bereits Jean Pauchard das Unternehmen von seinem Vater übernommen, produzierte Tolix mit rund 80 Mitarbeitern knapp 60.000 Stühle pro Jahr. Noch zwei Jahrzehnte blieben »Tolix-Stühle« integraler Bestandteil öffentlichen Lebens in Frankreich – in vielen Bistrots wurden sie noch bis in die 1970er-Jahre den Wirten von den Brauereien gestellt, da solide bis unverwüstlich und zugleich leicht, aufeinander stapelbar und erschwinglich. Erst der Siegeszug von Plastikstühlen als »Outdoor-Mobiliar« machte der Popularität dieser französischen Ikone ein Ende.

Noch bis 2004 blieb Tolix ein Familienunternehmen, dann drohte die Insolvenz. Doch seit der Übernahme der Marke durch eine Handvoll Mitarbeiter unter der Leitung von Chantal Andriot feiert Tolix sein Comeback. In Farben von Signalrot bis Lavendelblau avancierten die Tolix-Produkte zum Liebling von Innenarchitekten und Design-Fans, Lifestyle- und Wohnmagazinen. Weltweit bringt das Design von Xavier Pauchard, mittlerweile mit Kultstatus, heute einen nostalgischen Industrie-Look in New Yorker Lofts, schicke Londoner Bars und hippe Berliner Cafés.

http://www.tolix.fr

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