WINZERIN AUF KORSIKA: MURIEL GIUDICELLI

Biodynamie auf Korsika: In der Welt des Weinbaus ist Muriel Giudicelli in gleich zweifacher Hinsicht eine Ausnahme – als »vigneronne«, als Winzerin unter einer Mehrheit von Männern, und weil sie ihre rund 12 Hektar große Domaine Giudicelli seit einigen Jahren biodynamisch bewirtschaftet. »Nur fünf Biowinzer gibt es insgesamt auf ganz Korsika«, sagt sie, kein Wunder, dass die Nachfrage nach ihren fantastischen Weinen so groß ist. Sie verzichtet auf Enzyme und andere önologische Hilfsmittel aus dem Labor ebenso wie auf Herbizide und Pestizide. »Seit April hat es dieses Jahr nicht mehr geregnet«, erzählt Muriel Giudicelli uns Anfang September, ein schwieriges Jahr. Bei unserem Besuch am 10. September war die Weinlese schon beendet, wegen des trockenen Sommers extrem früh. Auch Korsika ist vom Klimawandel betroffen, sie selbst sei noch glimpflich davongekommen, sagt Muriel Giudicelli, weil ihre Rebstöcke tief wurzeln in Kalkstein und Schiefer, während in den anderen Weinbaugebieten Korsikas Granit vorherrsche. Dort sei die Trockenheit ein deutlich größeres Problem. Auf dem 1997 gegründeten Weingut unterstützt ihr Mann sie seit 2005 bei der Arbeit im Weinberg, Muriel Giudicelli ist als Kellermeisterin verantwortlich für die Vinifikation.

Korsische Rebsorten: Auf ihren Rebflächen rund um Patrimonio baut Muriel Giudicelli Niellucciu für Rotwein an, die weiße Sorte Vermentinu sowie Muscat Petits Grains, den sie nicht nur süß (»Muscat tradition«), sondern auch trocken ausbaut (»Muscat sec«). Aus der Grenache-Traube keltert sie einen frischen roten Sommerwein, ihren »Rouge d’ Été«, der wie ein Rosé kühl temperiert getrunken werden kann. Der Weißwein aus 100 % Vermentinu war bei unserem Besuch leider schon ausverkauft, wir hätten ihn nur zu gern probiert! Denn unter Weinkennern gilt der Vermentinu als eine der charaktervollsten mediterranen Weißweinsorten, der mit seiner frischen Säure und dezent bitterer und mineralischer Komplexität zu vielen Gerichten der Mittelmeerküche und insbesondere zu Fisch passt. Die weiße Rebsorte, im Glas meist strohgelb schimmernd, ist an den Küsten der Inseln Sardinien und Korsika zu Hause, aber auch in der Toskana, in Ligurien, im Piemont und im Languedoc kultivieren Winzer den Vermentinu schon länger erfolgreich.

Nachdem eine Zeitlang neue Sorten auf dem Vormarsch waren, pflanzen die korsischen Weingüter seit ein paar Jahren verstärkt wieder alte Sorten wie Niellucciu und Sciaccarellu an. Muriel Giudicelli baut den würzig duftenden und leicht säurebetonten Niellucciu reinsortig aus. Die Rebsorte, mit Sangiovese verwandt, passt als kräftiger, tanninbetonter Rotwein hervorragend zur deftigen korsischen Küche. Geschützt von den Bergen, die den Golf von Saint-Florent einrahmen, findet er bei Patrimonio und Poggio d’Oleta ideale Bedingungen mit warmen Tagen und kühlen Nächten. Auf den alten Rebsorten basieren Korsikas beste Weine, insbesondere die Niellucciu-Rotweine haben sich in den letzten Jahren teils zu spannenden, eigenständigen Weinen entwickelt, für die durchaus selbstbewusste Preise aufgerufen werden.

Patrimonio: Das älteste und angesehenste AOC-Weinbaugebiet (seit 2009 AOP) ist Patrimonio oberhalb von Saint-Florent – weite Felder mit Rebstöcken prägen die Umgebung des Orts. Die Anbauflächen beschränken sich in diesem Gebiet auf rund 470 Hektar (ohne Muscat), das entspricht etwa dem deutschen Weinanbaugebiet in Sachsen. Bekannt ist die Region für ihre Rosé-Weine, daneben liegt der Schwerpunkt auf trockenen Weiß- und Rotweinen aus den Rebsorten Niellucciu, Grenache und Vermentinu. Seit 2017 zählt die Conca d’Oro genannte Weinbaulandschaft um Patrimonio und Saint-Florent zu den »Grand Sites de France«, den herausragenden und besonders schutzwürdigen Sehenswürdigkeiten Frankreichs.

Domaine Giudicelli, 20253 Patrimonio, an der Hauptstraße durch den Ort (D81), www.uva-corse.com/domaine/domaine-giudicelli

Paroles de Corse Interview mit Muriel Giudicelli auf Youtube: www.youtube.com/watch?v=f_x80D5zdPk

Cap Corse: Das Weinanbaugebiet »AOC/AOP Corse Coteaux du Cap Corse« beschränkt sich weitestgehend auf die nördliche Spitze der schroffen Halbinsel nördlich von Bastia. Dieses Gebiet war in historischer Zeit mit etwa 1500 Hektar Rebflächen um ein Vielfaches größer als heute – von einer Handvoll Winzer werden nur noch etwa 40 Hektar (ohne Muscat) bewirtschaftet. Das Klima wird hier stark von Wind und Meer geprägt, die Rebreihen der Domaine Pieretti am Cap Corse beispielsweise reichen vom Hang direkt hinunter bis ans Wasser. Bei feuchter Witterung trocknet der Wind die Beeren und sorgt so für ein gesundes Lesegut; während der sommerlichen Hitze und Dürre (Korsika hält den Sonnenscheinrekord Frankreichs mit 2750 Stunden im Jahr) lindert aus dem Meer aufsteigende feuchte Luft den Wassermangel etwas.

Muscat du Cap Corse: Als Spezialität der Region ist der »Muscat du Cap Corse« üblicherweise ein Dessertwein mit Restsüße und mehr oder minder intensivem Muskataroma, seit 1993 mit eigener AOC-Appellation. Auf knapp 100 Hektar wird in 17 Gemeinden zwischen Cap Corse und Nebbiu die Rebsorte »Muscat blanc a petits grains« angebaut. Der Wein muss als »vin doux naturel« mindestens 95 Gramm Restzucker pro Liter aufweisen, dafür wird er »aufgespritet«: Um die Gärung zu stoppen, wird Alkohol zugefügt. Sowohl die Domaine Giudicelli wie auch die Domaine Pieretti und Clos Marfisi sind bekannte Produzenten. Je nach Hersteller und seiner Philosophie weist der Muscat Zitrusnoten oder Untertöne von Trockenfrüchten, exotischem Obst, Nüssen, Butter oder Gewürzen wie Zimt auf.

 

Drei weitere Winzerinnen mit empfehlenswerten Weinen:

Clos Marfisi, 20253 Patrimonio, an der Hauptstraße durch den Ort (D81), https://de-de.facebook.com/closmarfisi/. Auch Julie Marfisi schreibt am 7. September schon »C’est fini!« auf der Facebook-Seite ihres Weinguts als Kommentar zum Bild ihrer Erntehelfer.

Clos Teddi, Geschäft in 20217 Saint-Florent an der Hauptstraße durch den Ort (D81). Das 40 Hektar große Weingut von Marie-Brigitte Poli im Désert des Agriates ist nur mit Vierradantrieb über eine 4 km lange Schotterpiste zu erreichen, deshalb gibt es einen Laden für Weinverkostung und Verkauf in Saint-Florent.

Domaine Pieretti, Santa Severa (bei Luri am Cap Corse) | Tel. 04 95 35 01 03, www.vinpieretti.com, https://de-de.facebook.com/domainepieretti/. Mit Lina Venturi-Pieretti ist schon die fünfte Generation auf dem Weingut tätig. Sie übernahm das Weingut von ihrem Vater Jean Pieretti im Jahr 1989, der nicht nur ein auf der ganzen Insel respektierter und angesehener Winzer war, sondern auch das Weinfest in Luri mitbegründete, das immer Anfang Juli stattfindet.

 

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