FRAUEN, DER ALKOHOL UND LITERATUR

Weltliteratur und Alkohol, Poesie und Promille: Für das Entstehen von großer Literatur ist Alhohol keine Bedingung, doch die Zahl trinkender Schriftsteller, die zu Absinth, Punsch, Mojito, Mint Julep oder anderem »Sprit« als Quelle der Inspiration griffen, ist legendär. Nicht nur Jean Paul und E.T.A.Hoffmann, Hemingway und Charles Bukowski pflegten ihren »großen Durst« und schrieben lieber unter Einfluss von Hochprozentigem, Bier oder Wein als nüchtern.

Frauen im Rausch: Auch für einige Autorinnen war Alkohol ständiger Begleiter ihrer Arbeit: Carson McCullers soll ihr kreatives Schaffen mit »Sonnie Boy« befördert haben, heißem Tee und Sherry aus der Thermoskanne, und für die beiden amerikanischen Autorinnen Zelda Fitzgerald und Dorothy Parker wurde das Trinken zum Lebensthema. »I like to have a Martini, two at the very most. After three, I’m under the table, after four I’m under my host«, lautet Parkers berühmtestes Zitat. In einem Interview äußerte sich die französische Schriftstellerin Marguerite Duras über den Treibstoff Alkohol: »Was einen – wenn man süchtig nach Trunkenheit ist – hindert, sich umzubringen, ist der Gedanke, dass man, einmal tot, nicht mehr trinken wird.« Françoise Sagans »unbremsbarer Drang, mit Vollgas durchs Leben zu rauschen« (Welt), umfasste Leopardenmäntel, schnelle Sportwagen, eine Jacht, Kasinobesuche – und Alkohol. Unter den deutschen Autorinnen hatten Annemarie Schwarzenbach und Irmgard Keun mit ihrer Alkoholsucht zu kämpfen, unterbrochen von Stationen in Entzugskliniken, denen wieder Abstürze folgten.

Angeschickert oder vollgedröhnt: Im Film und in der Literatur war Trinken dagegen über lange Zeit meist Männersache. Nicht erst seit den »Frauen, die Prosecco trinken« hat sich das gründlich geändert. Trinkende Frauen fanden längst vielfältigen Eingang in literarische Werke – von der beschwipsten Mädelsrunde über die Karrierefrau beim gepflegten Drink in der Hotelbar und die trinkfeste Saufkumpanin am Tresen bis zur im steten Rausch lebenden Trinkerin entfaltet sich die ganze Typologie des weiblichen Alkoholkonsums in der Gegenwartsliteratur.

Ein Prosit auf Britta Jürgs! In ihrem Buch zum 20-jährigen Jubiläum des Aviva-Verlags ist die Verlegerin den alkoholischen Spuren in (Auto-)Biografien, Romanen und Erzählungen früherer Zeiten gefolgt. Ihr literarischer Cocktail witziger, kritischer, abgründiger und ungewöhnlicher Texte vom und über den Blick ins Glas enthält unter anderem Texte von Zelda Fitzgerald, Patricia Highsmith, Irmgard Keun, Katherine Mansfield, Dorothy Parker, Franziska zu Reventlow.

Weiblich, unabhängig, entdeckungsfreudig: In zwei Jahrzehnten erschienen im 1997 von Britta Jürgs gegründeten Aviva Verlag vergessene Schätze und literarische Neuentdeckungen, Bücher von und über außergewöhnliche Frauen. Zu den wiederentdeckten Schriftstellerinnen zählen vor allem Autorinnen der 1920er- und 1930er-Jahre wie Victoria Wolff und Vicki Baum; ein weiterer Schwerpunkt des Verlags sind Biografien und Anthologien zu Frauen in Kunst und Kulturgeschichte. 2011 wurde die AvivA-Verlegerin Britta Jürgs vom Branchennetzwerk Bücherfrauen für ihren »Einsatz und Enthusiasmus […], Frauen die Präsenz zu verschaffen, die deren Werk und Wirken zustehen« zur »BücherFrau des Jahres 2011« gewählt.

Britta Jürgs (Hg.), »Was trinken wir? Alles!«, Berlin 2017, 18 €, ISBN 978-3-932338-90-8

Aviva Verlag

 

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