PARIS: LA CANOPÉE

Der Bauch von Paris: An der Stelle des legendären »Ventre de Paris«, des einstigen Großmarkts mitten im Zentrum, entstand in den 1970er-Jahren auf der freigewordenen, 5 Hektar großen Fläche das größte Einkaufszentrum der Stadt, angebunden an die größte Pariser Métro- und RER-Station Châtelet, an der täglich rund 750.000 Reisende ein-, um- oder aussteigen. An den früheren Umschlagplatz für Fisch und Meeresfrüchte, Schweine- und Rinderhälften, Obst und Gemüse erinnern nur noch der Name der benachbarten Métro-Station – Les Halles – und das Pied de Cochon in der Rue Coquillière, ein rund um die Uhr geöffnetes typisches Hallenbistro. Vor allem Verkehrsprobleme hatten die Verlegung erforderlich gemacht. Lieferwagen, Kisten und abgeladene Waren versperrten für Stunden den Weg und blockierten die engen Straßen rings um den Markt. Zudem war der Großmarkt für die wachsende Metropole zu klein, die Hygiene ließ zu wünschen übrig.

Die Wunde im Pariser Bauch: Nach dem Umzug des Großmarktes an den Stadtrand nach Rungis ließ man trotz heftiger Proteste die gusseisernen Baltard-Markthallen entsorgen. Zwei der Pavillons wurden gerettet; einer steht heute in Nogent-sur-Marne, der andere in der japanischen Hafenstadt Yokohama. Nach dem Abriss wollten die politischen Streitereien um die Bebauung lange nicht enden, Projekte und Gegenprojekte folgten aufeinander. Das architektonische Endergebnis – oberirdisch verspiegelte »Regenschirme«, der Rest rund um einen »Krater« teils über mehrere Geschosse in den Boden versenkt – war unter städtebaulichen Gesichtspunkten kein Ruhmesblatt, kommerziell aber lange ein Erfolg mit enormen Renditen pro Quadratmeter. »Ankermieter« in der unterirdischen, als labyrinthisch kritisierten Shopping-Mall war über Jahrzehnte Fnac, das Medienkaufhaus, und neben weiteren rund 170 Geschäften des Kommerz bot das Forum auch Platz für ein großes Hallenbad mit 50-Meter-Becken, mehrere Kinos, die Pariser Mediathek, eine Sporthalle und einen Konzertsaal. Irgendwann aber sah man dem Forum des Halles seine Jahre deutlich an, und der größtenteils tageslichtlose Ort hatte sich zum sozialen Brennpunkt entwickelt, zum Treffpunkt für Jugendliche aus den Banlieues und Umschlagplatz für Drogen, auch wenn der unaufhörliche Strom der Berufspendler und sonstigen Métro-Nutzer das Gewirr der Gänge nie gänzlich veröden ließ.

Gelb, uringelb: Vier Jahrzehnte nach seiner Entstehung war erneut eine Umgestaltung angesagt: Anfang des neuen Jahrtausends rief Bürgermeister Bertrand Delanoë daher Architekten, Stadt- und Landschaftsplaner zu einem Ideenwettbewerb auf, das Forum und das Quartier des Halles wieder attraktiver zu machen. Das gründliche Facelifting hat länger gedauert als geplant und ist auch 2017 noch nicht ganz abgeschlossen: Die Großbaustelle, die seit Beginn des Umbaus das Viertel beeinträchtigte, ist noch nicht wieder komplett verschwunden, und auch im Untergrund wird es noch dauern, bis alle Arbeiten abgeschlossen sind. Fertiggestellt ist jedoch »La Canopée«, das geschwungene, lichtdurchlässige Dach über den Eingängen zum Forum und zur Métro, das im Frühjahr 2016 eingeweiht wurde. Die Architekten Patrick Berger und Jacques Anziutti verstehen ihren Entwurf als ein überdimensionales Laubdach oder Baumkronen – dessen Fläche etwa der Größe der Place des Vosges oder mehr als zwei Fußballfeldern entspricht! Das 220 Mio. Euro teure, bombastische »Blätterdach« aus 18.000 Glasplatten ist nicht nur der auffälligste Teil des Umbaus, sondern beansprucht auch einen beträchtlichen Anteil an den Gesamtkosten von einer Milliarde. Oberirdisch werden die Grünflächen nach Entwürfen des Landschaftsarchitekten David Mangin angelegt, und die historische Getreidebörse darf der Unternehmer François Pinault zum Kunstmuseum für seine Privatsammlung umfunktionieren – schließlich hat sein größter Konkurrent in Sachen Luxus, Bernard Arnault, für die Fondation Vuitton ein Filetstück des Bois de Boulogne erhalten, das er von Stararchitekt Frank Gehry mit einem selbstverliebten Protzbau bebauen ließ. Bleibt abzuwarten, ob die Hoffnungen der Planer und Kommunalpolitiker aufgehen. Wie das bei Großprojekten so ist, stößt das Konzept nicht nur auf Begeisterung – die Anwohner stört die Baustelle und das »jaune pipi« des Dachs, politische Gegner rügen die Pläne als Kapitulation vor den Investoren und bemäkeln, dass allein der Unterhalt des Glasdachs jährlich 400.000 Euro verschlingen wird, Städteplaner befürchten, der Ort bleibe trotz des ganzen Aufwands abschreckend und ungastlich.

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