KORSIKA: RUND UM DAS CAP CORSE

Wo Korsika Korsika geblieben ist – GASTBEITRAG VON DR. CHRISTOPH FISCHER: Es hat schon seinen Grund, dass Pasquale Paoli, der große korsische Freiheitskämpfer, 1789 nach 20-jährigem Exil nochmals auf dem Cap Corse anlandete, um als Präsident der Nationalversammlung erneut eine dominierende Rolle in der korsischen Politik zu spielen. Das Cap Corse ist Korsika in seiner ursprünglichen Form, wer das spüren und erfühlen will, muss es erkunden. Nicht nur einmal, sondern immer wieder.

Wir sind in Saint-Florent gestartet, über Patrimonio Richtung Osten nach Bastia gefahren. Immer wieder beeindruckend, wie schön die korsische Metropole ist. Etwas langwierig allerdings, wenn man morgens über den Boulevard Paoli durch die Stadt fahren muss. Aber das ist längst vergessen, wenn es dann an der Küste entlang Richtung Erbalunga geht. Ein Ort wie eine Postkarte, aber doch viel mehr, wenn man Zeit hat oder sie sich nimmt und durch die malerischen Gassen Richtung Fischerhafen geht. Einfach wunderschön.

Weiter geht es durch Weinberge, die bis an Meer reichen, an zahlreichen Genuesertürmen vorbei Richtung Macinaggio, wo Paoli einst an Land ging. Der Hafen des Dorfes hatte früher nicht nur strategische Bedeutung, er war für die Wirtschaft der Insel grundlegend. Heute ist es einfach nur ein weiterer malerischer Ort, den auch Segler gerne ansteuern. Von dort geht es für uns Richtung Centuri-Port, das schmale, kurvenreiche Sträßchen hinunter zum Hafen ist ein Abenteuer. Und wenn man Glück hat wie wir, findet man sogar einen Parkplatz. Nach Centuri-Port will jeder, der am Cap Corse unterwegs ist. Und wenn man in dem Dorf ankommt, weiß man auch warum. Hier ankern keine großen Jachten, hier liegen die Boote der Langustenfischer. Weil in Centuri-Port vor allen Dingen gearbeitet wird.

Wenn man dann ganz gefangen ist vom Cap und der einzigartigen Inselromantik, wartet wenige Kilometer weiter der Schock. Ein verlassener, riesiger, grauer Bau kündet von der größten Sünde der kurzen korsischen Industriegeschichte. Über dem grauen Bergwerk die Abraumhalden des Asbestabbaus. 400 Menschen fanden nach dem Zweiten Weltkrieg hier Arbeit, viele bezahlten sie mit dem Tod, weil der eingeatmete Asbeststaub zur Asbestlunge und zum Lungenkrebs führte. Der lebensgefährliche Irrtum wurde Mitte der 1960er-Jahre beendet. Das Bergwerk bei Canelle ist wirklich gespenstisch, und der Strand unterhalb der grauen Betonmauern schwarz und menschenleer, weil über Jahrzehnte Geröllmassen des Abbaus einfach ins Meer gekippt wurden. Zumindest nachdenklich, um nicht zu sagen schockiert, geht die Reise weiter. Das tieftraurige graue Monument bleibt stets im Kopf.

Wie gut, dass wir danach durch Nonza fahren. Noch eine absolut malerische Ortschaft des Cap Corse – natürlich herrscht viel Betrieb auf dem zentralen Dorfplatz rund um die Barockkirche Sainte-Jolie. Wohl dem, der abends einen Tisch in einem der zahlreichen Restaurants ergattert und sich ein Viertel Rosé oder Roten von der Insel gönnen kann. Das Cap Corse ist fantastisch. Und man wünscht sich, man hätte es für sich allein. Aber das muss ein Wunschtraum bleiben in diesen Zeiten.

 

 

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