FOODTRENDS: VIOLETT STATT GRÜN

Das Märchen von der Urmöhre: Lila Kartoffeln, also alte Sorten wie die Vitelotte (blaue französische Trüffelkartoffeln) oder Blauer Schwede, waren erst der Anfang – in hippen Restaurants kamen sie vor allem in Form von Chips als farblicher Hingucker mit auf den Teller. Inzwischen sind auch Neuzüchtungen wie Violetta, Blaue Anneliese, Rote Emmalie oder Blaue Sankt Galler im Handel erhältlich. Im Zuge der Rückbesinnung auf alte Sorten folgten lila Karotten – allerdings ist die sogenannte »Urmöhre«, als die sie durch Blogs, Kochportale und Bioläden geistert, meist eine Möhre der Sorte »Purple Haze«, eine moderne Hybridzüchtung. »Die Disco-Queen unter den Möhren« wirbt ein Supermarkt für das dunkle Gemüse. Noch »möhriger« ist die »BetaSweet«, die gleich zwei Fliegen mit einer Klappe schlägt – sie ist nicht nur lila, sondern auch noch viel süßer als herkömmliche Möhren.

Trendfarben im Gemüsebeet: Untersuchungen zum Kaufverhalten haben gezeigt, dass Gesundheitsbewusste immer mehr zu rötlichen und violetten Lebensmitteln greifen. Deren Farbe stammt vom hohen Gehalt an Anthocyanen: Diese natürlichen Pflanzenfarbstoffe, die in blauen, roten, violetten und blauschwarzen Gemüsesorten und Obst vorkommen, sollen antioxidativ wirken und Zellen vor Alterung und Krebs schützen. Essen nach Regenbogenfarben liegt im Trend: Morgens bringen Blaubeeren oder Brombeeren die dunkle Farbe in die Frühstücksbowl. Weil aber offensichtlich eine wachsende Gruppe von Menschen nicht nur auf blaue Trauben und Kirschen, Rote Bete oder Rotkohl, ohnehin bläulich- oder rötlich-violett, zurückgreifen will, findet man auf dem Wochenmarkt immer öfter schwarz-rote Tomaten, lila Blumenkohl und violette Kohlrabi. Oder auch violette Spitzpaprika, violetten Rosenkohl oder violette Stangenbohnen…

Alles so schön bunt hier: Weil die Esswelt in kräftigen Farben schwelgen will – vorwiegend in Violett, werden aus den entsprechenden Neuzüchtungen im Marketingsprech gleich Vitaminwunder und besondere Geschmackserlebnisse. Ist der Kohlrabi »Blauer Delikatess« wirkliche eine alte Sorte, der »Blaue Azur« und der »Blaro« aber neue? Sind auch der Blumenkohl »F1 Graffiti« oder die Stangenbohne »Blauhilde« Neuzüchtungen? Für Verbraucher schwer zu duchschauen, hat die Saatgutindustrie die Begeisterung für »alte Sorten« schnell begriffen und züchtet nun unechte alte Sorten. Seit das Spitzkraut wieder so beliebt ist, muss es nicht mit Gewissheit echtes Filderkraut sein, was man im Supermarkt kaufen kann… Nur auf Saatgutverpackungen müssen Sorten aus Hybridzüchtung mit dem Zusatz F1 gekennzeichnet sein, für das geerntete Gemüse gilt das nicht.

Einwegpflanzen: Moderne Hybridsorten haben die herkömmlich mittels Kreuzung und Auslese gezüchteten Sorten so gründlich vom Markt verdrängt, dass Saatgut für Mais, Möhren, Brokkoli, Spinat, Zwiebeln, Tomaten und verschiedene Kohlsorten fast nur noch als Hybridsorte erhältlich ist. Selbst wenn das Gemüse aus ökologischem Anbau kommt, strenge Kontrollen durchlaufen hat und mit Qualitätssiegeln versehen wurde – in den Kisten und Körben der Bioläden und auf dem Wochenmarkt sind es schlicht Blumenkohl, Möhren, Kohlrabi. Was genau in der Samentüte war, darüber erhält auch der Öko-Kunde keine Information. Seit Jahrzehnten beherrschen Hybridsorten den Saatgutmarkt, die in den Labors großer (Chemie)Konzerne mit komplizierten biotechnologischen Methoden hergestellt werden, was eine Abgrenzung zur Gentechnik teils schwierig macht. Zudem werden in den letzten Jahren klassische Hybriden zunehmend durch sogenannte »CMS« oder »inzuchtfreie« Hybriden ersetzt. Bei einer Kreuzung entstehen in der nachfolgenden Pflanzengeneration – F1 genannt – besonders ertragreiche, gegen Schädlinge und Krankheiten resistente Nachkommen. Fatal für den Landwirt: Aus der F1-Generation kann meist kein Saatgut für eine weitere Aussaat gewonnen werden, sondern muss nach jeder Ernte aufs Neue eingekauft werden – das kommt einem »eingebauten« Sortenschutz gleich. Dass immer mehr Hybridsorten eingesetzt werden, sehen einige Biolandwirte und Gärtner, Züchter und Wissenschaftler mit Sorge – sie sehen die Artenvielfalt bedroht und warnen vor dem Verlust an Vitaminen und Mineralstoffen bei dieser Art »Einwegpflanzen«.

Lilafarbenes Brot? Man hätte es ja ahnen können: Ein Ernährungswissenschaftler aus Singapur hat mit »Purple Bread« für Furore gesorgt. Na ja, jedenfalls in den Medien. Auch das Brot verdankt seine ungewöhnliche Farbe dem wasserlöslichen Pflanzenfarbstoff Anthocyane, das in diesem Fall aus schwarzem Reis extrahiert wurde. Von Elle über Brigitte bis zu Eat Smarter wurde es als neues »Superbrot« vorgestellt, dank dessen frau nun guten Gewissens wieder Weißbrot essen dürfe… Man glaubt es nicht!

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