FRANZÖSISCHE ORIGINALE: HANDSCHUHE AUS MILLAU

Südliches Flair: Am Ende der spektakulären Tarn-Schlucht verlässt man die südlichen Ausläufer des Zentralmassivs und erreicht den Midi. Millau, die lebendige Kleinstadt am Tarn, die sich in einer weiten Ebene ausbreitet, wirkt schon mediterran – von hier sind es nur noch etwas mehr als 100 km bis zum Mittelmeer. Dass die Schafzucht in dieser nur dünn besiedelten Region der Causses (Départements Lozère und Aveyron) seit alters ein bedeutender Wirtschaftszweig war, machte Millau zum Zentrum der Lederverarbeitung.

Wo Schafe zählen: Das Fleisch der Causse-Lämmer wird von Gourmets verspeist, die Wolle der Schafe versponnen, aus der Milch reift würziger Roquefort in den Kalksteinhöhlen des gleichnamigen Dorfs. Die Häute schließlich werden in Millau zu Taschen und Jacken verarbeitet, vor allem aber zu feinen Lederhandschuhen, denen die Stadt ihre Bezeichnung »Ville du gant« verdankt. Noch in den 1960er-Jahren verdiente fast jeder Dritte der rund 22.000 Einwohner seinen Lebensunterhalt im Handschuhgeschäft. Übrigens: Handschuhe gab es schon in der Antike, doch Frankreich gilt als Ursprungsland der gewerblichen Handschuhfabrikation. Die ersten französischen Zünfte von Handschuhmachern entstanden Mitte des 14. Jahrhunderts; Hugenotten brachten die Handschuh-Fertigung dann nach Deutschland. Überall dort, wo es Schaf- oder Ziegenzucht gab und Wasser für die Gerber vorhanden war, entstanden Zentren der »Ganterie«, neben Milllau beispielsweise in Saint-Junien im Zentralmassiv.

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Von schlicht bis extravagant: Doch wer kauft heute noch handgenähte Lederhandschuhe? Die preiswerte Konkurrenz aus industrieller Produktion in Osteuropa und Asien macht den Manufakturen sehr zu schaffen, nur wenige Betriebe produzieren noch heute. Im Musée de Millau, untergebracht im Hôtel de Pégayrolles, einem Palais aus dem 18. Jahrhundert, ist ein Teil der Ausstellung dieser handwerklichen Tradition der Stadt gewidmet. Denn es gibt sie kaum noch, die Handschuhmacher: Das Haus Causse Gantier in Millau ist eines der letzten einer aussterbenden Zunft. Das 1892 gegründete Unternehmen sieht das anders, gerade ließ man sich von dem in Frankreich als Stararchitekt gehandelten Jean-Michel Wilmotte einen modernen Bau errichten, in dem neben Ateliers und Boutique auch eine kleine Ausstellung zur Geschichte der Handschuhherstellung besucht werden kann. Man sieht sich für die Zukunft gerüstet, und mit Olivier Causse ist nun schon die vierte Generation in der Manufaktur tätig, die 2017 ihr 125-jähriges Jubiläum feiern kann. Neben hochwertigem Lamm- und Kalbsleder werden auch Kroko- und Pythonhaut verarbeitet, gibt es nostalgische Modelle mit feinmaschigem Baumwoll-Crochet für Oldtimer-Liebhaber und elegante mit Pelzbesatz oder Leopardenmuster, verspielte mit Schleifchen, in leuchtenden Knallfarben, Silber-Metallic oder dezent dunklen Tönen. Auf sogenannten »mains chaudes«, beheizbaren Händen aus Stahl, erhalten die fertigen Handschuhe ihre endgültige Passform. Die ausgefallenste Fingerbekleidung – ellenbogenlange Abendhandschuhe mit Federbesatz oder Perlen- und Pailletten-Applikationen, im Kuhfell-Cowboy-Look, kunstvoll perforiert oder aufwendig bestickt – entsteht für Modefirmen der Haute Couture wie Hermès, Chanel und Louis Vuitton, die bei ihren Handschuhen gern auf das Know-how der Firma setzen.

Musée de Millau, Place Foch, 12100 Millau, Juni, Sept. Mo–Sa 10–12 und 14–18, Juli, Aug. tgl. 10–12.30 und 14.30–19 Uhr, Eintritt 5,50 €, erm. 4,10 €

http://www.museedemillau.fr

Causse Gantier, Avenue Gambetta, 12100 Millau, Mo–Sa 9.30–12 und 14–19 Uhr

http://www.causse-gantier.fr

Boutique Causse in Paris: 12, rue de Castiglione (1er), Mo–Sa 10.30–14 und 14.30–19 Uhr

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